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Neu im DRK: KIT - Erste Hilfe für die Seele

Bremervörde/Cloppenburg. Der ICE-Unfall im niedersächsischen Eschede (101 Todesopfer, 88 Schwer- und 106 Leicht- oder Unverletzte) jährte sich am 3. Juni zum 20. Mal. Vor diesem Hintergrund war es vermutlich kein Zufall, dass der Oldenburger Landesverband des Deutschen Rote Kreuzes (DRK) an diesem symbolträchtigen Jahrestag in Cloppenburg 18 Absolventen ihre Urkunden zum erfolgreichen Abschluss ihres Lehrgangs in der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) überreichte - darunter auch vier ehrenamtliche Mitarbeiter aus dem DRK-Kreisverband Bremervörde.

Bilden das künftige Kriseninterventionsteam (KIT) des DRK-Kreisverbandes Bremervörde (von links): Alexandra Rothgeber, Nadine Mooij, Gorden Waldmann und Andrea Grabau (Foto: DRK)

Alexandra Rothgeber (Tarmstedt), Nadine Mooij (Gnarrenburg), Andrea Grabau (Hambergen/Spreckens) und Gorden Waldmann (Zeven) bilden künftig das sogenannte Kriseninterventionsteam (KIT). Sie ergänzen die Arbeit der bereits zu sogenannten Kollegialen Ansprechpartnern (KAP) ausgebildeten Petra Schriefer und Detlev Kahn, die im Bedarfsfall zur psychosozialen Unterstützung vorrangig der ehrenamtlichen DRK-Einsatzkräfte zur Verfügung stehen. 

 

Rothgeber, Mooij, Grabau und Waldmann werden nach Beendigung der als nächstes für sie anstehenden Hospitationsphase (sofern Betroffenen das Angebot in Anspruch nehmen möchten) für die Menschen da sein, deren Leben plötzlich einen Einschnitt erfahren hat - sei es, weil ein naher Angehöriger entweder bei einem Unfall oder im häuslichen Umfeld verstorben ist oder weil er sich das Leben genommen hat. Auch Unfallzeugen oder Ersthelfer können das KIT-Team in Anspruch nehmen, ebenso die Polizei zur Unterstützung bei der Überbringung von Todesnachrichten.

 

Nach Auskunft des Bremervörder DRK-Kreisbereitschaftsleiters Andreas Rothgeber befindet sich das Rote Kreuz in Gesprächen mit den drei im Landkreis Rotenburg vertreten Kirchenkreisen, um auszuloten, wie die Zusammenarbeit im Bereich der PSNV künftig aussehen kann.

 

In Cloppenburg unterzogen sich Rothgeber, Mooij, Grabau und Waldmann erfolgreich einer schriftlichen und mündlichen Prüfung und stellten dabei gegenüber einer fünfköpfigen Jury den sicheren Umfang mit Notfallsituationen unter Beweis. „Allein diese Leistung schon verdient Respekt und Anerkennung. Das Rote Kreuz kann sich wieder einmal sehr glücklich schätzen, derart engagierte Menschen für die Hilfe Anderer in seinen Reihen zu wissen“, so DRK-Ehrenamtskoordinator Stephan Jeschke mit Blick auf die künftige Tätigkeit der vier Ehrenamtlichen.

 

Bestandteile der 80 Unterrichtseinheiten umfassenden Ausbildung: Neben situativem Handlungstraining standen Grundlagen der Krisenintervention, der Psychologie und Psychotraumatologie sowie unterschiedlicher Kulturen und Religionen auf dem Lehrplan, außerdem Themen wie Kommunikation, Recht und Verwaltung, Organisationsstrukturen und Einsatzindikationen (zu ergreifende Maßnahmen klassischerweise bei einem sogenannten Massenanfall von Verletzten). Ferner standen über den vom DRK-Bundesverband vorgegebenen Ausbildungsrahmenplan hinaus der Besuch eines Bestattungsunternehmens sowie Deutschlands fünftgrößter Polizeileitstelle in Oldenburg an.

 

Unter PSNV, so Jeschke zusammenfassend, sei die Gesamtheit aller Aktionen und getroffenen Vorkehrungen zu verstehen, die helfen sollen, Krisensituationen mental verarbeiten zu können. Eine Erfordernis, die beim Amoklauf an einer Schule im süddeutschen Winnenden (2009), beim German-Wings-Flugzeugabsturz in Frankreich (2015) sowie beim Münchener Amoklauf und dem Anschlag am Berliner Breitscheidplatz (beides 2016) verdeutlicht worden sei.

 

Die hiesigen DRK-Helfer sind dafür ausgebildet worden, um sozusagen Erste Hilfe für die Seele leisten zu können - „in erster Linie, indem wir uns in aktuten Notphasen beispielsweise um zurückgebliebene Familienmitglieder kümmern und versuchen, für sie wieder Stabilität herzustellen, ihnen Informationen anbieten und zurück ins Leben helfen. Oder einfach nur da sind und schweigen“, berichtet Alexandra Rothgeber.

 

Sie und ihre Mitstreiter haben gelernt, dass der Verlust geliebter Menschen brennende Lücken im Alltag derjenigen hinterlassen können. Dann sei es gut, so Gorden Waldmann, wenn die Hand gehalten, zugehört und der Schmerz ausgehalten werde. „Dem Schweigen, Schluchzen, Weinen und wahrscheinlich auch mal Schreien standhalten und dem Trauernden Halt bieten - das sind Herausforderungen, denen wir uns stellen werden“, versichern Nadine Mooij und Andrea Grabau.

18. Juni 2018 14:51 Uhr. Alter: 148 Tage