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„Helfer werden scheinbar zum Feindbild“

Bremervörde. In Not geratenen Menschen professionell helfen zu können, war und ist für die derzeit knapp 150 hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des DRK-Rettungsdienstes die Motivation schlechthin, sich zum Rettungssanitäter, Rettungsassistenten oder Notfallsanitäter ausbilden zu lassen. Im sprichwörtlich falschen Film wähnen sich der Bremervörder DRK-Geschäftsführer Rolf Eckhoff und Rettungsdienstleiter Sören Zelck vor diesem Hintergrund allerdings, wenn sie von Einsätzen Kenntnis nehmen müssen, in denen ihre Mitarbeiter beleidigt, angepöbelt oder gar bespuckt wurden. „Traurigerweise gehört das inzwischen zum Arbeitsalltag. Der Helfer wird scheinbar zum Feindbild“, so Zelck.

Wähnen sich im falschen Film, wenn sie von Einsätzen Kenntnis nehmen müssen, in denen ihre Mitarbeiter beleidigt, angepöbelt oder gar bespuckt wurden: DRK-Geschäftsführer Rolf Eckhoff (rechts) und Rettungsdienstleiter Sören Zelck (Foto: St. Jeschke/DRK)

Die Liste der Unfassbarkeiten, so Zelck, sei lang: Rettungsdienstler würden bei einem Verkehrsunfall, während sie auf der Straße liegende Verletzte medizinisch versorgen,  aufgefordert, ihren Rettungswagen aus dem Weg zu fahren, damit ein Verkehrsteilnehmer einen Termin wahrnehmen kann. „Wortlaut: Ihr Deppen seid zu blöd zum Parken und wollt eh‘ nur alles aufhalten hier!“, so der Rettungsdienstleiter. Oder: „Der Rettungswagen sei zu laut, störe die Nachtruhe der Kinder, versperre außerdem einen Parkplatz und, und, und...“

Der Rettungsdienstleiter berichtet sogar von einem Fall, bei dem ein Mitarbeiter im Einsatz mit einem Messer bedroht worden sei. „Nicht zuletzt deshalb können wir das in diesem Jahr von der Politik beschlossene Gesetz zum Schutz von Rettungskräften als einen ersten Schritt nur begrüßen. Von uns aus organisierte Schulungen für besondere Gefährdungslagen und Deeskalationstraining gehören aber schon jetzt fest zum Fortbildungsplan“, sagt Zelck. „Als Arbeitgeber ist es unsere Aufgabe und Pflicht, die Belegschaft zu unterstützen und schützen. Das werden wir konsequent durchziehen, notfalls auch durch die Inanspruchnahme juristischer Mittel“, kündigt Eckhoff an.

Der DRK-Geschäftsführer stellt sich allerdings die grundsätzliche Frage, wie es sein könne, dass der gesellschaftliche Umgang miteinander eine derartige Entwicklung nähme. „Auf die Idee, Hilfskräfte während eines nächtlichen Einsatzes anzuschnauzen, weil angeblich ein Parkplatz blockiert wird oder das Blaulicht an ist, wäre früher niemand gekommen. Wer das macht, soll seinen Egoismus in einem lichten Moment zurückstellen und sich doch bitte mal vorstellen, wie es wäre, wenn er selbst die Person ist, die da liegt und dringend Hilfe benötigt. Wer gibt in unserer Gesellschaft solche Werte noch weiter? Ich jedenfalls vermisse das immer mehr“.

Sören Zelck berichtet, dass der Rettungsdienst von Teilen der Bevölkerung auch zunehmend als Ersatz für den Hausarzt gesehen werde – etwa, um als zu lang empfundene Wartezeiten in den Praxen zu umgehen? „Auch bei diesen Einsätzen werden die Kollegen jedenfalls angefeindet, weil sie beispielsweise keinen Hustensaft dabei haben, keine Rezepte ausstellen können oder der betreffenden Person angesichts eines verletzten Zehennagels für den Transport zum Arzt oder ins Krankenhaus eher zum Taxi als zum Rettungswagen raten…“, so Zelck, der sich wünscht, dass ein respektvoller Umgang mit Rettungskräften und Verletzten sowie Erkrankten gesellschaftlicher Standard bleibt - beziehungsweise wieder wird.

Auch wenn die Qualifikation und die Kompetenzen der Mitarbeiter im Rettungsdienst in den zurückliegenden Jahren deutlich gestiegen seien: „Der Notfallsanitäter kann nur in akuten Notfällen Medikamente nach klaren Vorgaben verabreichen – bei einem Herzinfarkt, einem Asthma-Anfall oder zur Schmerzlinderung bei Knochenbrüchen etwa“, so Zelck weiter. Er appelliert daran, bei Husten, Schnupfen, Fieber und Heiserkeit den kassenärztlichen Notdienst unter der Rufnummer 116117 zu nutzen.

20. September 2017 16:21 Uhr. Alter: 1 Jahre