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Begriff Tagespflege wird oft missverstanden

Oerel. Die von der Sozial- und Pflegestation Bremervörde-Geestequelle (Mehrheitsgesellschafter ist der DRK-Kreisverband Bremervörde e.V.) betriebene Tagespflegeeinrichtung in Oerel (Dorfstraße 6) ist ein Erfolgsmodell. Nicht einmal ein Jahr nach der Inbetriebnahme im Dezember 2015 dauerte es, bis alle zur Verfügung stehenden 90 Wochenplätze (entsprechen 18 pro Werktag) ausgebucht waren. Was Pflegedienstleiterin Agnes Hildebrandt trotzdem immer wieder staunen lässt, wenn sie mit Interessierten oder deren pflegenden Angehörigen ins Gespräch kommt: Der Begriff Tagespflege wird oft missverstanden.

Agnes Hildebrandt, Leiterin der Tagespflegeeinrichtung in Oerel (Foto: St. Jeschke)

Frau Hildebrandt, welche Vorstellung haben Außenstehende nach Ihren Erfahrungen denn von einer Tagespflege wie der in Oerel?

 

Agnes Hildebrandt: Interessierte, die zu uns ins Haus kommen, um sich zu erkundigen, sind immer wieder überrascht.  Einige vermuten, es handele sich um eine Einrichtung ausschließlich für Menschen mit einem erhöhten Pflegebedarf. Das ist bei Weitem nicht so. Eher würde ich unsere Tagespflege als  ein zweites Zuhause benennen. Wir betreuen Senioren, die, aus welchen Gründen auch immer, Unterstützung und Geselligkeit im Alltag benötigen. Sicherlich sind auch die beginnende Demenz und andere Alterskrankheiten für uns ein Thema. Aber Tagespflege dient nicht nur zur Entlastung der Angehörigen, sondern ist gleichermaßen auch eine Bereicherung für unsere Gäste. Sie werden morgens von unseren Fahrern, die alle mit Herz und Seele dabei sind, abgeholt und am späten Nachmittag wieder nach Hause gebracht.

 

Und was machen Ihre Senioren bei Ihnen in Oerel täglich zwischen 8.30 und 16.30 Uhr?

Zusammen frühstücken und über das, was in der Zeitung steht, sprechen, außerdem spielen oder singen, Klönschnack halten, Gedächtnistraining, für das gemeinsame Mittagessen sorgen, einen Mittagsschlaf halten, dann einen Spaziergang oder einen Ausflug unternehmen, zusammen Kaffeetrinken… Die Möglichkeiten, sich zu beschäftigen und dabei Spaß zu haben und zu lachen, sind vielfältig und unsere Ideen fast grenzenlos. Bewegungsübungen mit dem Rollator beispielsweise sind auch ein ganzheitliches Angebot. Wenn der Körper in Bewegung ist, ist auch der Geist in Bewegung.

 

Hört sich nach einem abwechslungsreichen Alltag an…

Das ist es in der Tat! Wir alle sind zusammen ein gutes und geschultes Team -  meine Kolleginnen und ich bringen durch unsere Angebote Abwechslung in den Alltag unserer Tagesgäste. Sie kommen zu Hause raus, werden gefördert und gefordert und haben die Möglichkeit, neue soziale Kontakte zu pflegen. Wer einmal hier war und beispielsweise bei einem „Schnuppertag“ mit eigenen Augen gesehen hat, was hier so alles los ist, dessen Bild von Tagespflege wird geradegerückt. Sie oder er muss nur den ersten Schritt aus dem Haus wagen.

 

Nichtsdestotrotz: In dem Begriff Tagespflege steckt der Begriff Pflege - und dazu hat jeder ein Bild im Kopf…

… über dessen Falschheit in Bezug auf Tagespflege wir ja eingangs sprachen. Ich möchte jedem Interessierten  Mut machen, sich ein eigenes Bild zu machen. Die Mehrheit unserer Tagesgäste sind in die Pflegegrade drei und vier eingestuft und im Durchschnitt an zwei bis drei Tagen in der Woche bei uns. Zaubern können wir dennoch nicht, das Alter spricht auch mit.  Einen Heimaufenthalt können wir mit zunehmendem Alter der Betroffenen vielleicht nicht immer verhindern, aber wir tragen dazu bei, die Lebensqualität zu erhöhen und  die Zeit, die sie  zu Hause in ihren eigenen vier Wänden verbringen können, deutlich zu verlängern.

 

 Wie lauten Ihre Argumente für einen Mentalitätswandel zu diesem Thema?

Wer sich damit beschäftigt, eine Tagespflege in Anspruch zu nehmen, aber generell auch wir alle, sollten nicht so lange warten, bis wir an unsere Grenzen stoßen, sondern uns frühzeitig informieren. Ich würde mir wünschen, dass  sich Tagespflege als ein selbstverständliches Angebot in unserer Gesellschaft etabliert, als Bereicherung  wahrgenommen und genutzt wird. Jedes Alter hat seine Zeit. Und dazu gehört meines Erachtens auch die Zeit der Pflege.

30. Juni 2017 10:54 Uhr. Alter: 2 Jahre